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Zukunftsradar Gründungslandschaft Siegen-Wittgenstein

Was sind die Trends der Zukunft? Wie sieht die Gründungslandschaft der Zukunft aus? Wo geht die Reise hin? Hier halten wir Sie mit aktuellen Beiträgen auf dem Laufenden.

Interview mit Wilco van de Burgwal und Dr. Martin Stein

Teil 2

Wie schätzt ihr die zukünftige Entwicklung für das Gründungsgeschehen Deutschland und Siegen-Wittgenstein ein?

W: Es muss sich auf jeden Fall in Sachen Bürokratie etwas tun. Das kann so nicht weitergehen. Was ich besonders traurig finde, dass gerade von öffentlichen Einrichtungen viel versprochen und wenig getan wird. Es gibt so viele Studien, die zeigen, welche Bedeutung Gründung für die heimische Wirtschaft hat. Es wird aber zu wenig umgesetzt.

M: Gründen wird immer populärer. Das wird sich sicherlich in Deutschland auch weiter so entwickeln. Ich habe aber auch manchmal das Gefühl, dass es einen Gründungshype gibt, bei dem viele nur dabei sein wollen. Selbstständig sein heißt aber auch, man arbeitet selbst und ständig. Da sollte man die Leute drauf hinweisen. Für Siegen-Wittgenstein und auch für Südwestfalen sollte man regionale Stärken ausspielen. Ich würde mir auch ein durchgängiges Angebot wünschen, bei dem die regionalen Einrichtungen besser zusammenarbeiten - auf Neu-Deutsch eine One-Stop-Agency.

Was fehlt uns noch in der Region?

W: Wir haben so viele Hidden Champions in der Region, die aber auch mit Problemen zu kämpfen haben. Hier sollte ein aktiver Austausch zwischen etablierten Unternehmen und Gründern gefördert werden. Da passiert zu wenig.

M: Da fehlt einfach eine bessere Vermittlung. Gerade in der Zusammenarbeit zwischen etablierten Unternehmen und Start-ups ist manchmal ein Mediationsprozess notwendig, der die unterschiedlichen Arbeitsweisen und Bedürfnisse zusammenbringt und moderiert.

Wie erlebt ihr den eigentlichen Gründungsprozess? Wie nutzerfreundlich ist dieser Prozess?

W: Wir sind noch nicht an dem Punkt, an dem viele nordische Länder sind. Da funktioniert Bürokratie digital. Wenn der Gründungsprozess wirklich digital wird, dann wird es deutlich einfacher.

M: Der Gründungsprozess selbst hat bisher am wenigsten Nutzen von der Digitalisierung gehabt. Er fühlt sich zu analog und bürokratisch an. Es ist gut, dass es viele Ansprechpartner gibt, die weiterhelfen. Es wirkt aber leider nicht wie aus einer Hand. Es fehlt ein geführter Prozess durch die Gründungsphase. Es wirkt alles sehr holprig.

W: Die verschiedenen Banking-Apps und Steuerklärungs-Apps zeigen ja, wie man etwas einfacher machen kann.

Verändert sich aus eurer Sicht die Bedeutung der großen Start-up-Metropolen wie Hamburg und Berlin?

W: Diese Städte sind für sich schon Statements. Da sind größere Unis, das gesellschaftliche Leben ist anders, es sind auch sehr schöne Städte. Solche Faktoren kann man nicht wegdiskutieren oder auf andere Standorte übertragen. Deshalb finde ich es auch falsch zu versuchen, Strukturen starr auf kleinere Standorte zu übertragen, mit der Hoffnung die gleichen Erfolge zu erzielen. Das ist einfach nicht weit genug gedacht.

M: Da kann ich mich wiederum nur anschließen. Große Metropolen werden auch immer große Metropolen bleiben. Ich glaube aber, dass sich insbesondere auch kleinere Standorte gut profilieren können, weil man z.B. auf etablierte Unternehmen mit hohem Prozesswissen zurückgreifen kann. Dazu muss man aber auch die Mentalität wecken, damit eine traditionsbewusste Region auch von neuen, jungen Unternehmen profitieren kann.

Ihr arbeitet beide hier im Gründerbüro, dem Inkubator der Uni Siegen, welche Vorteile bietet euch diese Einrichtung?

W: Der Austausch mit anderen Gründern steht hier ganz klar an erster Stelle. Es gibt kreative Flurgespräche. Man trifft Gleichgesinnte. Man bekommt auch eine Rückendeckung für den Arbeitsalltag und viele Seminar- und Eventangebote.

M: Auch ich finde das Thema Rückendeckung sehr interessant. Es gibt einen geführten Prozess und man erhält durch die Arbeit hier eine gewisse Grund-Reputation. Das erleichtert schon die Gespräche mit neuen Kunden. Ich würde mir aber wünschen, dass das Angebot für Gründerteams noch flexibler wird.

Ist mit all den technischen Möglichkeiten ein persönlicher Kontakt – wie hier im Gründerbüro  noch wichtig?

W: Definitiv. Auf Leute zuzugehen und sich auszutauschen ist wichtig. Das hilft auch sehr bei der Produktentwicklung. Die Teams hier sind ja auch unterschiedlich weit in ihrer Gründung. Da entstehen viele interessante Tipps oder Kontakte.

M: Aufgrund der Offenheit hier hat man einen riesigen Lerneffekt. Man wird auch oft irritiert und bekommt neue Denkanstöße. Die Produkte sprechen am Anfang nicht immer für sich selbst. Über das Zwischenmenschliche passiert da viel.

Wenn ihr zurückdenkt an die Zeit vor eurer (ersten) Gründung: Was würdet ihr anders machen?

M: Für mich ganz schwer zu sagen, weil es gerade gut läuft und richtig losgeht. Ich würde noch nicht viel anders machen. Man spürt aber jetzt schon, dass man auch mal flexibel bei der Auswahl der Aufträge sein muss. Da gilt es, vom ursprünglichen Plan auch mal abzuweichen.

W: Ich könnte zurückschauen und Fehler nennen. Aber ich bin froh, dass ich sie gemacht habe. Sonst wäre ich auch heute nicht hier. Das Skillset und die Erfahrungen wachsen durch Fehler. Vor allem aus den negativen Erfahrungen lernt man.

Letzte Frage: Welchen persönlichen Tipp habt ihr für Gründerinnen und Gründer?

W: Machen! Mal nach links und rechts gucken. Einfach mal den Finger ins Wasser halten. Man sollte aber auch wissen, wofür man sich selbständig macht. Geld ist das falsche Motiv. Man sollte sich selbst bewusst sein und wissen, was man mit seiner Zeit anfangen will.

M: Eigentlich sollte die Arbeit schon auch Hobby sein. Das, was ich jetzt mit meiner Firma mache, würde ich sonst in meiner Freizeit auch machen. Man sollte sich fragen, ob man das im Zweifel 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche machen will. Gerade am Anfang ist es eben hart. Da ist es zentral, dass man eine hohe Eigenmotivation mitbringt.

Martin, Wilco, vielen Dank für das Interview!

Das Interview führte Andre Feuerstein.

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Dr. Martin Stein Dr. Martin Stein studierte Wirtschaftsinformatik an der Universität Siegen. Er ist Geschäftsführer der ZDW Südwestfalen GmbH (Zentrum für die Digitalisierung der Wirtschaft Südwestfalen) und Co-Founder der Open.INC UG.  
Wilco van de Burgwal Wilco van de Burgwal ist Co-Founder und Creative Director des Start-ups Lexeo. Dort werden speziell auf Vorlesungen abgestimmte Crashkurse für Studierende der Universität Siegen angeboten. Neben der Umsetzung weiterer Geschäftsideen hat Wilco gerade seine Masterarbeit fertiggestellt.  
Andre Feuerstein Andre Feuerstein ist Vorstandsmitglied von Startpunkt57 und Mitarbeiter der Kreisverwaltung Siegen-Wittgenstein. Er ist zuständig für die Entwicklung von Konzepten zur Unterstützung des Gründungsgeschehens in der Region.  

 

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